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Warum wir uns über Schlagzeilen lustig machen dürfen

Ein Schlagzeilen-Bingo ist heute eine einfache Übung. Man braucht im Prinzip nur drei Dinge: Ein klares Feindbild, ein bisschen (ein bisschen reicht völlig) Witz (reicht auch völlig) und eine Bingo-Vorlage. Fertig! Und dann erreicht man die Follower in der eigenen Filterblase schon, weil sie hechelnd auf eben diesen Gag warten. Endlich sagt's mal einer! Aber was sagt man denn und warum? Hier ein Beispiel:

Insbesondere Medienschaffende im Allgemeinen lächeln sich beim Blick in die Nachrichtenportale dieser Welt mindestens einmal täglich ins Fäustchen. Dies wahrscheinlich nicht mal wegen der Genitiv-Schwäche der Social-Media-Redaktion von tag24.de. Lustig wird es erst dann, wenn das Ziel, immer der Erste, Schnellste, redaktionell Schönste [bitte selbstständig ergänzen], einen Beitrag, der eigentlich zum Klick-Loser verdammt ist, zum Running-Gag des Tages werden lässt. Dann nämlich hatten Orthografie und Semantik einen Quickie im überhitzten Nachrichten-Biotop. Und gebären Bastarde, die so nie gewollt waren, aber Germanisten, Linguisten und mit ausreichend linguistischem Halbwissen ausgestattete Diskutanten Anlass zur Beschäftigung bieten. Und so können die Vorgenannten nicht anders, als beim Blick ins Nachrichtenportal die Schlagzeile „Reiche Rentnerin ermodert!“ zu entdecken und mit spontaner Begeisterung den Kaffee über den Tisch zu prusten. ‚Was für ein Fehler!‘, denkt der Laie. ‚Was für eine linguistische Glanztat!‘, jubelt der Linguist. Was ein kleines unschuldig verschobenes r alles auslösen kann.

Ja, diese Schlagzeile gab es so ähnlich tatsächlich. Leider nur online und leider von der besagten Onlineredaktion auch sehr schnell entdeckt. Immerhin! Dabei möchte man dem Onlineredakteur zurufen: ‚Halt jetzt ein, mein Freund! Hab jetzt mal Mut! Mut zu dieser Schlagzeile! Mut zur linguistischen Provokation! Der Anlass ist freilich ein trauriger, die reiche Rentnerin wurde ermordet und erst ein halbes Jahr später gefunden. Währenddessen moderte sie vor sich hin. Aber: Ermodern ist in dem Fall der passendere Begriff.

Warum? Darum:

Modern ist sowohl als Verb als auch als tatsächlicher Vorgang eine recht aktive Angelegenheit. Modern kommt als intransitives Verb sogar ohne Objekt aus und bildet im Normalfall keine Passivform. Und da wird’s kompliziert. Denn Ich modere ist grammatisch korrekt, semantisch und faktisch aber Unfug.

Moder sind durch Fäulnis und Verwesung entstandene Stoffe; Fäulnis ist die Zersetzung biotischer Stoffe durch Mikroorganismen, bei der Verwesung sind Bakterien und Pilze die Hauptakteure. HA! Nicht ich bin der aktive Part, vielmehr werde ich von den Pilzen, Bakterien und anderen kleinen Wesen gemodert. Da modern nun aber leider kein Passiv bilden kann, muss man sich hier anders behelfen – mit einem schönen transitiven Verb: ermodern. Und schon kann ich weiter ganz passiv in der Gruft bleiben und mich von Mikroorganismen und Pilzen ermodern lassen. Welch schöne Vorstellung. Welch schönes Verb. Und was für eine starke Sprache. Ich gebe einfach einer zufälligen Buchstabenkombination einen Sinn und zack! folgt sie den Regeln der Grammatik. Und zack! bekommt auch die Bingolistik Relevanz.