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Kampf um den Fakt

„Fakten, Fakten, Fakten! Und immer an den Leser denken!“ Das waren noch Zeiten.

Die D-Mark war stabil, Michael Schumacher stieg in den Ferrari und Macarena dröhnte durch den Äther. Auch der Fakt war noch das, was er immer in unserer Wahrnehmung sein sollte: Unverfälscht, nackig und manches Mal hässlich. But don’t hassel the Hoff! Heute ist der Fakt mehr gefühlt, eher ambivalent und alternativ. Not a girl, not yet a woman.

Aber die Blonde beiseite. Die grundsätzliche Unterstellung an einen Fakt lautet, dass er die Wahrheit widerspiegelt. Aber können wir überhaupt von der EINEN Wahrheit sprechen? So wie Lyotard mit dem Postmodernismus das Ende der EINEN großen Erzählung postulierte? Natürlich nicht. Und auch der wissenschaftlichste Beweis ist von seinen Umständen abhängig, in denen er Gültigkeit beansprucht. Doch alles wieder relativ?

Mittlerweile scheint das Postfaktische das Postmoderne abgelöst zu haben. Anything goes ist zu everything feels weird geworden. Vielleicht ist das Postfaktische nur die böse Geschwulst des Postmodernen. Und wir haben es nicht gemerkt. Oder wir irren uns komplett. Selbst Lyotard musste zugeben, dass seine Wortwahl mit „Postmoderne“ wohl etwas unglücklich war.

Also von vorn. Besinnen wir uns auf des Pudels Fakt. Äh, Kern! Der Umgang mit der Wahrheit übt sich täglich im Privaten, aber auch beruflichen und im öffentlichen Leben. Wie damit umgegangen wird und wie Fakten reflektiert werden, sagt viel über eine Gesellschaft aus. Und daran lässt sich auch ihre Temperatur messen. Zum Berufsbild des journalistischen Schreibers gehört, die Dinge zu sortieren, einzuordnen und neutral zu präsentieren. Klappt nicht immer gleich gut, zugegeben. Aber wer glaubt, im (Social) Web kursierende [Fakten] seien selbstevident, frei vom Selbstzweck und mit einer detektivisch-aufklärerischen Intention zum Wohle der vermeintlich verlorengegangenen Wahrheit verbreitet, der ist den Trolls von Fake-News und Co. richtig schön auf den Leim gegangen. Es geht um etwas viel Banaleres: Den Schwanzvergleich.

Im Strudel des Meinungspluralismus geht es gesellschaftlich-politischen Akteuren jedweder Couleur darum, die eigene Wahrheit zielgerichtet cross-medial zu verbreiten. Um so den Diskurs zu bestimmen. Wie der Philosoph Alexander Grau unlängst im Cicero formulierte, ist vielmehr die Deutungshoheit Ziel der Übung, als der treue Umgang mit dem Fakt: http://cicero.de/salon/postfaktisch-demokratien-moegen-keine-tatsachen

Und so zerren sie an uns – der Diskurs und dessen Wahrheiten, die Fake-News und die alternativen Fakten. Sie konglomerieren sich zum postfaktischen Zeitalter, das dem Einzelnen mehr abverlangt denn je. Im Rausch der Wahrheiten lässt man sich nur allzu leicht von Befindlichkeiten und Gefühlen ablenken. Da hilft nur selbst (mit-)denken.